Wir sind jung
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Den folgenden Text habe ich 2023 zum trans day of visibiility bei einem Open Mic gelesen. Gleichzeitig ist eine Szene davon in der Anthologie „Queere Küsse gegen rechts“ veröffentlicht worden.
Wir sind jung …
“Polizeigewalt hat es nicht gegeben und Jesus lebt” steht auf einem Sticker und pink dann “You look nice today”. Außerdem ein Zettel zum Ankreuzen: Male, Female – ich wähle Fuck you. Was davon sind Lügen und welche das Gegenteil? Schau ich nice aus today? Hat die Polizei heute schon die Knüppel ausgepackt? Und würde Jesus auch Fuck you wählen?
Ich suche mich…
Wir waren jung und glaubten an die Revolution. Damals, als unsere Kurven noch mehr Kind als Erwachsene waren.
Wenn ich heute hier sitze, heißer Asphalt unter meinem Körper und die Sonne, die den Abend beschließt, denke ich zurück an die Sommernächte von vor über 15 Jahren.
Wir saßen einen ganzen Sommer lang jeden Abend am See – es war noch nicht alles so fancy mit Sunset-Stufen und die Welle gab es nur im Wasser, aber wir – wir waren fancy. Heiße klebrige Haut und warmes Dosenbier sind die Dinge, die mir sofort wieder in den Kopf kommen. Punkrock schrillt aus billigen Boxen und heteronormative Monogamie ist noch spießig und nur für Erwachsene.
Erst küsst mich Bjarne, sein babyweiches Gesicht an meinem und er schmeckt nach Zigaretten und Pfeffi. So abgestanden und frisch zugleich. Ambivalent – ein Wort, das ich damals noch nicht kenne, aber das ich lebe. Seine Schmetterlingsküsse sind wie die Ahnung einer Berührung, wie der Augenblick zwischen Nacht und Morgengrauen in der blauen Stunde. Morpheus, komm mich holen, denke ich. In dein Bett aus Elfenbein. Schlafen oder Sterben, es ist mir einerlei.
Ich bin glücklich in dem Moment, aber auch zutiefst traurig, weil ich mir der Vergänglichkeit des Augenblicks schmerzlich bewusst bin.
Vergangen ist der Augenblick tatsächlich schnell, als ich mich auf die andere Seite beuge und Lena meinen Kopf in den Schoß lege. Ich seh‘ noch heute ihren Erdbeermund, der mich von oben anlächelt, ehe sie mir einen Kuss aufdrückt. Ihre Finger hinterlassen Spuren aus Gänsehaut auf meinem Arm. Mit ihr zu zweit werde ich heute Nacht die Sterne anschauen und zum Geschmack von Vanille-Lipgloss wird sich ihr süßer Bonbonsaft mischen, wenn wir zum Höhepunkt das Universum hinter uns lassen.
Wir waren jung und glaubten an die Revolution – dass wir mit der Gesellschaft nicht einverstanden waren, war für uns alle klar, keine Diskussion. Aber wenn wir uns was wünschen hätten können, was wäre es gewesen?
Was früher so einfach war, ist heute viel komplizierter. Wir sind nach und nach draufgekommen, dass wir Teil der Gesellschaft sind, die wir so sehr verachtet haben und verändern wollten.
Heißt erwachsen sein, sich von der Revolution verabschieden zu müssen? Ich denke, die einen werden milde, die anderen extremer. Dreimal dürft ihr raten, wo ich mich sehe.
Ich will die Welt anzünden. Lichterloh soll sie brennen und uns erleuchten. Das Patriarchat soll zu Asche zerfallen und daraus phönixgleich eine neue Welt erwachsen, in der alle sein können, ohne Wenn und Aber. In der ich nicht männlich oder weiblich ankreuzen muss, weil mein Geschlecht genauso irrelevant ist wie jede andere Kategorie, die nur dazu dient, dass manche Menschen Macht haben und andere nicht.
Und in der Realität? was heißt das nun? Heute frag ich:
Kommst du mit mir auf ein alkoholfreies Bier, hältst meine Hand, während meine Finger Spuren lesen auf dem Tisch. Erhabene Stellen erzählen Geschichten, auch meine ist dabei. Verschüttete Liebe, ausgeleerte Traurigkeit, ein paar Spritzer Einsamkeit und zwischendrin ein klitzekleiner Tropfen Hoffnung.
Ich bin nicht mehr jung und glaube nicht mehr an die Revolution. Aber ich glaube daran, dass wir noch die Kurve kriegen können, die Gesellschaft langsam umbauen, Hierarchien abbauen und was Besseres erschaffen können. Es ist viel Arbeit, aber es ist auch Hopepunk, Baby.